Die Strandkneipe in Santo Domingo ist mit weissen Plastikstühlen möbliert. Die Männerrunde lässt es sich gut gehen. Man trinkt, lacht, debattiert. Die Musiker geben ihr Bestes und singen - singen immer wieder das gleiche Lied vom Comandante Che Guevara. Gott und die Welt und die Liebe sind das Thema und natürlich Zigarren. Und immer wieder Che. "So macht das Leben Spass", sagt der St. Galler Zigarrenhändler Peter Rohner, ein Vermittler zwischen der karibischen Inselkultur und den helvetischen Genussmenschen.
24 Stunden später, zweihundert Kilometer weiter im Norden der Dominikanischen Republik : Mit einem Jeep sind wir an den Stadtrand gefahren. Die Sonne brennt. Drinnen im Büro der Tabacalera Don Esteban spielt die Klimaanlage verrückt. Sie rattert nur wenn sie Lust hat. Die hat sie selten. Uns fliesst Schweiss aus allen Poren. "Elli, bring noch ein Bier." saht Stephan Gutmann, Geschäftspartner von Rohner. Ruth Elisabeth Batista Peralta, genannt Elli, die gute Seele in der Tabakmanufaktur Don Esteban lässt sich nicht zweimal bitten. Und Gutmann lächelt zufrieden, als das Bier in seinem Hals gurgelt.
Don Esteban gehört zu den kleineren Tabakmanufakturen auf der karibischen Insel. Ihre Wurzeln finden Humus und Wasser unter anderem in Buchs im St. Galler Rheintal. Dort setzt Peter Rohner seit langem auf dominikanische Zigarren. Vor acht Jahren entschied er sich dann, eigene Zigarrenmarken auf der Insel produzieren zu lassen. Aller- dings nicht im grossen Stil, sondern mit viel Qualitätskalkül: "Don Esteban ist eine Manufaktur, also das Gegenteil einer Fabrik.", sagt Rohner. Und Oskar Nausch, Geschäftsführer von Don Esteban mit deutschen Wurzeln, ergänzt: "Wir scheuen uns davor eine Fabrik zu werden."
Wer mit Rohner und Nausch diskutiert, spürt die Lebensmaxime: Schuster bleib bei deinen Leisten! Klein und fein bringt im Zigarrengeschäft Vorteile. Die Qualitätskontrolle ist überblickbarer, auf Trends kann man schnell reagieren. Don Esteban sollte nicht einfach nur wachsen und wachsen, sagt Nausch. "Mehr als zwei Milionen Zigarren im Jahr werden wir nie produzieren." Davon ist man beim helvetisch-dominikanischen Joint Venture nicht mehr weit entfernt. Waren es 1999 knapp über eine halbe Million Puros, so verlassen heute jährlich 1.62 Millionen Zigarren die Manufaktur am Rand von Santiago.
Auf der Betriebsbesichtigung sorgt eine kleine Maschine für Erheiterung: der Drawmaster. Ein Qualitätskontrollgerät für Kondome? Von wegen, der Drawmaster ist der wahre Liebling der Zigarrengeniesser. Er sorgt dafür, dass keine zu dicht gerollten Zigarren die Fabrik verlassen. Die Zigarre wird in das Rohr des Drawmasters geschoben, dann fliesst die Luft durch sie. Ist der Luftwiderstand zu stark, kommt die Braune nicht in den Verkauf. Mit diesem Gerät wird jede einzelne Zigarre kontrolliert, die bei Don Esteban gerollt worden ist. Stück für Stück. Tag für Tag.
Als wir zum Mittagessen in die Stadt fahren, treffen wir vor dem Restaurant Siegfried Maruschke, einen Deutschen, der seit Jahren auf der Insel lebt. "José Mendez y Cia. Santiago" steht auf seiner Visitenkarte. Maruschke ist einer der Mächtigen im Zigarrengeschäft des Inselstaates. Er ist Herr über den Bärenanteil des Rohtabaks (rund 40%) und über 800 Stripperinnen. Stripperinnen sind Frauen, die Tabakblätter entstrippen, also ihnen fingerfertig die Blattrippe entreissen. Der ganz grosse Zigarrenboom sei vorbei, sagt Maruschke. "Jedesmal wenn, die Tabakblätter angeliefert werden", witzelt er beim Essen, "frage ich mich, wer um Himmels Willen dieses ganze Zeug rauchen soll." Die meisten der kleinen Zigarrenmanufakturen in der Dominikanischen Republik, die Anfang der Neunzigerjahre wie Pilze aus dem Boden schossen, sind fünf, sechs Jahre später mutlos wieder geschlossen worden. Heute gibt es noch an die 20 Fabriken, neben den grossen Playern Altadis/ Consolidated Cigars, Swedish Match/General Cigars, Fuentes, und Davidoff. Dafür haben die Grossen ihre Kapazitäten stark ausgebaut.
Es ist Nachmittag und wir haben Glück, die Klimaanlage im Büro der Tabakmanufaktur hat ihre gütige Phase. Wenigstens ein paar Minuten. Sofort wird es merklich kühler. Blauer Rauch wirbelt. Stefan Gutmann katzt sich an der Stirn, Oskar Nausch blickt ins Leere und Peter Rohner würde jetzt eigentlich lieber eine Zigarette anzünden. Alle haben ein Blatt Papier auf dem Tisch vor sich liegen, worauf eine Reihe von Namen notiert sind:
Costa Verde, Miramar, Las Colinas, Trinitaria, Capadoro. Kurz davor hat Nausch jedem eine Zigarre verteilt, 20 Minuten später eine zweite, bald eine dritte. Man degustiert, notiert, diskutiert.
Bisher wurden bei Don Esteban die kräftige Orient Express und die milden aber charaktervollen Samanas für Peter Rohner gerollt. Noch nicht so lange auf dem Markt sind die kräftige Palmar Arriba und Palmarito, die Zigarren- geniesser wegen ihrer süssen Untertöne schätzen. Bis nach Japan werden diese vier Marken exportiert. Der Grossteil geht in die USA, nach Deutschland und in die Schweiz.
Nummer zwei der Probezigarren hat es schnell an die Spitze der Bewertungsskala gebracht. Doch Gutmann setzt sich für die erste Probandin ein: "Etwas flach im Auftakt zwar, aber dann entwickelt sie kräftige, schöne Aromen." Seine Argumente nützen wenig. Nummer zwei bleibt vorne.
Und der Name? Nochmals Diskussionen. Trinitaria werde mit dem kubanischen Trinidad verwechselt werden. Cienfuego ist zu kompliziert. Und Costa Verde, wie wärs damit? "Das gefällt mir", sagt Peter Rohner. "Und Capadoro auch." Schnell herrscht Einstimmigkeit - und Elli serviert nochmals kühles Bier. Die Geburt einer Zigarrenmarke ist eben ein Palaver.
Ein Palaver mit konkreten Folgen. Was vor zwölf Monaten im Tasting evaluiert wurde, findet sich heute jedenfalls in vielen Zigarrengeschäften, wo es die Capadoro seit neustem zu kaufen gibt.
(Quelle Sonntagszeitung vom 8. Mai 2005) |